Kerzen anzünden für die ezidischen Opfer des Völkermordes am 3. August 2014 in Shingal

Berlin, 2. August 2026 – Ebertstraße / Ecke Behrenstraße, 10117 Berlin Anlässlich des Jahrestages des Völkermordes an den Ezid*innen am 3. August 2014 in Shingal fand am 2. August 2026 in Berlin eine öffentliche Gedenkveranstaltung unter dem Titel „Kerzen anzünden für die Opfer des Völkermordes“ statt. Mehr als 500 Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Vereinen, Organisationen und gesellschaftlichen Bereichen nahmen an der Veranstaltung teil. Gemeinsam entzündeten sie Kerzen und setzten damit ein sichtbares Zeichen des Gedenkens, der Solidarität und gegen das Vergessen. Gefördert durch die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt Das Projekt wurde durch die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) gefördert und vom Ezidischen Kulturzentrum Berlin e. V. geplant und durchgeführt. Die Förderung ermöglichte es, ehrenamtliches Engagement gezielt zu stärken, neue Menschen für eine aktive Mitarbeit zu gewinnen und die Zusammenarbeit innerhalb des Vereins sowie mit weiteren Organisationen und der Berliner Öffentlichkeit auszubauen. Das Projekt zeigt, wie wichtig die Unterstützung des bürgerschaftlichen Engagements für Vereine und Communities ist. Durch die Förderung konnten Ehrenamtliche Verantwortung übernehmen, eigene Ideen einbringen und aktiv an der Planung und Umsetzung der Gedenkveranstaltung mitwirken. Anlass und Bedeutung des Projekts Der Anlass für das Projekt ist der Jahrestag des Völkermordes an den Ezidinnen am 3. August 2014 in Shingal. Viele Mitglieder unserer Community in Berlin haben eigene Flucht- oder Familiengeschichten, die unmittelbar mit den Ereignissen verbunden sind. Gleichzeitig ist das Wissen über den Völkermord an den Ezidinnen in der breiten Öffentlichkeit noch immer begrenzt. Das Projekt schafft deshalb einen Raum für gemeinsames Erinnern, Begegnung und Austausch. Gleichzeitig stärkt es das ehrenamtliche Engagement innerhalb unseres Vereins und ermöglicht es insbesondere neuen Interessierten, sich aktiv einzubringen. Gemeinsam erinnern und Begegnungen ermöglichen Das gemeinsame Entzünden der Kerzen war ein Zeichen der Verbundenheit mit den Opfern und ihren Familien. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten die Möglichkeit, innezuhalten, zu erinnern und ihre Solidarität mit der ezidischen Gemeinschaft zum Ausdruck zu bringen. Besonders wichtig war die Begegnung zwischen der ezidischen Community und der Berliner Öffentlichkeit. Menschen unterschiedlicher Herkunft und kultureller Hintergründe kamen zusammen, um sich über die Geschichte und die Folgen des Völkermordes zu informieren und gemeinsam ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. Die große Beteiligung von mehr als 500 Menschen machte deutlich, dass Erinnerung verbinden kann und dass das Interesse an der Geschichte und Gegenwart der ezidischen Community in Berlin wächst. Ehrenamtliches Engagement im Mittelpunkt Ein wesentliches Ziel des Projekts war es, neue Ehrenamtliche zu gewinnen und bereits engagierte Vereinsmitglieder stärker einzubinden. Die Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung bot zahlreiche Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen, eigene Ideen einzubringen und gemeinsam an einem gesellschaftlich wichtigen Thema zu arbeiten. Der Erfolg des Projekts zeigte sich insbesondere an der hohen Zahl der beteiligten Ehrenamtlichen, der großen Teilnahme an der Gedenkveranstaltung sowie an den neuen Kontakten zu interessierten Menschen. Durch die aktive Beteiligung konnten neue Netzwerke entstehen und bestehende Verbindungen zwischen Vereinsmitgliedern, Organisationen und der Berliner Öffentlichkeit gestärkt werden. Erinnerung an die Opfer Am 3. August 2014 begann der Angriff des sogenannten „Islamischen Staates“ auf die ezidische Bevölkerung in Shingal. Tausende Menschen wurden ermordet, vertrieben und verschleppt. Frauen und Mädchen wurden Opfer schwerster Menschenrechtsverletzungen und sexualisierter Gewalt. Bis heute leiden zahlreiche Überlebende und Familien unter den Folgen dieser Verbrechen. Die Gedenkveranstaltung erinnert an die Menschen, die ihr Leben verloren haben, und an diejenigen, die bis heute mit den Folgen des Völkermordes leben. Das gemeinsame Gedenken ist zugleich ein Aufruf zu Aufklärung, Menschenrechten, Solidarität und gesellschaftlicher Verantwortung. Nachhaltige Wirkung für Verein und Community Neben dem unmittelbaren Gedenken verfolgt das Projekt auch langfristige Ziele. Wir erwarten eine stärkere Identifikation mit unserem Verein, die Gewinnung neuer Mitglieder und stabilere Vereinsstrukturen. Das ehrenamtliche Engagement soll nachhaltig gestärkt und weiterentwickelt werden. Darüber hinaus soll das Projekt die Sichtbarkeit der ezidischen Community in Berlin erhöhen. Die Geschichte, Kultur und Anliegen der Ezid*innen sollen stärker in der Berliner Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Durch die Verbindung von Erinnerungskultur, ehrenamtlichem Engagement und gesellschaftlicher Begegnung entsteht eine Wirkung, die weit über den eigentlichen Veranstaltungstag hinausreicht. Ein starkes Zeichen gegen das Vergessen Mit mehr als 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde am 2. August 2026 in Berlin ein eindrucksvolles Zeichen gesetzt. Jede Kerze steht für einen Menschen, dessen Leben durch den Völkermord ausgelöscht oder für immer verändert wurde. Jede Begegnung trägt dazu bei, die Erinnerung lebendig zu halten. Wir erinnern uns an die Opfer. Wir hören den Überlebenden zu. Wir setzen uns gegen das Vergessen ein. Wir stärken das ehrenamtliche Engagement. Und wir setzen uns gemeinsam für eine Gesellschaft ein, in der Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Religion oder Kultur sicher und frei leben können. In Erinnerung an die Opfer des Völkermordes an den Ezid*innen in Shingal – gegen das Vergessen, für Menschlichkeit, Frieden und Gerechtigkeit. Projektförderung und Durchführung Gefördert durch: Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) Durchgeführt von: Ezidisches Kulturzentrum Berlin e. V. Veranstaltungsdatum: 2. August 2026 Veranstaltungsort: Ebertstraße / Ecke Behrenstraße, 10117 Berlin Teilnehmende: mehr als 500 Menschen‍

Vorbereitungsworkshop zur Gedenkveranstaltung am 3. August

Am 26.07.2026 veranstaltete das Ezidische Kulturzentrum Berlin einen Vorbereitungsworkshop für die Gedenkveranstaltung „Das Anzünden der Kerzen zum Gedenken an die ezidischen Opfer des Völkermords vom 3. August 2014 in Şingal“. Der Workshop diente der inhaltlichen und organisatorischen Vorbereitung der Gedenkveranstaltung. Gemeinsam erinnerten die Teilnehmenden an die Ereignisse des 3. August 2014, als der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) einen Völkermord an den Ezidinnen und Eziden in Şingal verübte. Im Mittelpunkt standen die Auseinandersetzung mit den historischen Hintergründen, den Folgen für die Überlebenden sowie die Bedeutung des Gedenkens für die ezidische Gemeinschaft und die Gesellschaft insgesamt. Darüber hinaus wurden der Ablauf der Gedenkveranstaltung, die Beiträge der Mitwirkenden sowie die symbolische Bedeutung des gemeinsamen Kerzenanzündens besprochen. Das Entzünden der Kerzen steht für das Erinnern an die Opfer, die Solidarität mit den Überlebenden und die Verpflichtung, sich für Menschenrechte, Gerechtigkeit und die Verhinderung weiterer Völkermorde einzusetzen. Der Workshop bot den Teilnehmenden Raum für Austausch, Reflexion und gemeinsames Erinnern. Gleichzeitig wurde die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur hervorgehoben, damit die Verbrechen von Şingal nicht in Vergessenheit geraten und künftige Generationen für die Werte von Frieden, Menschlichkeit und Toleranz sensibilisiert werden. Das Ezidische Kulturzentrum Berlin bedankt sich bei allen Teilnehmenden für ihr Engagement und ihre Unterstützung bei der Vorbereitung dieser wichtigen G Projektförderung und Durchführung Gefördert durch: Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) Durchgeführt von: Ezidisches Kulturzentrum Berlin e. V. Veranstaltungsdatum: 2. August 2026 Veranstaltungsort: Ebertstraße / Ecke Behrenstraße, 10117 Berlin

Tag der Ezidischen Traditionellen Kleidung 03.10.2025

Anlässlich dieses besonderen Tages feierte das Ezidische Kulturzentrum in Berlin den “Tag der ezidischen traditionellen Kleidung”, der als jährlicher Gedenktag eingeführt wurde – ein Ausdruck unseres Stolzes auf unser kulturelles und spirituelles Erbe und unserer tiefen Verbundenheit mit unseren ezidischen Wurzeln.

Das Zentrum bestätigt, dass der 3. Oktober jedes Jahres ein fester Bestandteil seines Veranstaltungskalenders sein wird, um dieses bedeutungsvolle Symbol zu feiern, das nie nur ein Kleidungsstück war, sondern:

Ein Spiegel unserer Identität

Ein Zeugnis unseres kollektiven Gedächtnisses

Ein Symbol unseres Durchhaltevermögens und unserer alten Geschichte

Die ezidische Kleidung trägt in ihren Farben und Mustern symbolische Bedeutungen, die mit religiösen Ritualen und sozialen Anlässen verbunden sind. Trotz Entfremdung und Versuchen der Auslöschung ist sie bis heute im kollektiven Bewusstsein lebendig geblieben.

Den ezidischen Kleidungsstil zu bewahren bedeutet, die Identität eines Volkes zu bewahren.

Die Weitergabe dieses Erbes an kommende Generationen ist eine gemeinsame Verantwortung, die wir mit allen Mitgliedern unserer Gemeinschaft – im Heimatland wie in der Diaspora – teilen.

Wir rufen ezidische Gesellschaft, dazu auf, diesen Tag jedes Jahr zu feiern und die traditionelle ezidische Kleidung überall zu tragen, damit dieses Erbe lebendig und spürbar bleibt.

Ein herzliches Dankeschön an alle, die zur Anerkennung dieses bedeutenden Tages beigetragen haben und ihn zu einem Symbol des Stolzes und der Einheit für alle Ezid:innen weltweit gemacht haben.‍

Die Ezidinnen und Eziden Geschichte, Genozid, politische Verantwortung und dieForderung nach GerechtigkeitWer sind wir?Wir Ezidinnen und Eziden verstehen uns als eigenständiges Volk und als monotheistische ethno-religiöse Gemeinschaft.

Die Ezidinnen und Eziden Geschichte, Genozid, politische Verantwortung und dieForderung nach GerechtigkeitWer sind wir?Wir Ezidinnen und Eziden verstehen uns als eigenständiges Volk und als monotheistische ethno-religiöse Gemeinschaft. Nach unserem Selbstverständnis reicht unsere Religion mehr als 4.000Jahre zurück und gehört damit zu den ältesten bis heute gelebten Glaubenstraditionen. UnsereSprache heißt Ezdiki. In ihr werden Gebete, Überlieferungen und Erinnerungen weitergegeben.Religion, Sprache, Traditionen und gemeinsame Werte verbinden uns über Ländergrenzen undGenerationen hinweg. Unsere historischen Siedlungsgebiete liegen vor allem im heutigen Irak, inSyrien, in der Türkei und im Iran. Shingal und Shekhan im Nordirak gelten als wichtige kulturelle undreligiöse Zentren unserer Gemeinschaft. Weitere ezidische Gemeinschaften leben unter anderem inArmenien, Georgien und Russland [1].Durch Verfolgung, Vertreibung und Flucht sind in den vergangenen Jahrzehnten große ezidischeDiasporagemeinschaften entstanden. Die weltweit größte ezidische Diasporagemeinschaftaußerhalb des Irak lebt heute in Deutschland. Schätzungen zufolge gehören ihr bis zu etwa 250.000Menschen an [2]. Verfolgung und Vertreibung prägen unsere Geschichte, aber sie bestimmen unsnicht allein. Trotz zahlreicher Versuche, unsere Gemeinschaft zu vernichten, haben wir unserenGlauben, unsere Sprache, unsere Kultur und unsere Würde bewahrt. In ihrer Nobelpreisrede sprachNadia Murad über die Stärke und Geduld der Ezidinnen und Eziden. Trotz wiederholter Angriffe, soihre Botschaft, kämpfe die Gemeinschaft weiter um ihr Recht auf Existenz [3].Identität, Sprache und Selbstverständnis:Selbstbezeichnung und eigenständige IdentitätWir nennen uns Ezidinnen und Eziden und verstehen uns weder als Untergruppe noch als Teileines anderen Volkes. Unsere Identität ist ezidisch. Sie beruht auf unserem Glauben, überliefertenTraditionen, familiären und sozialen Bindungen sowie einer gemeinsamen Geschichte. WiederholteVerfolgung gehört zu dieser Geschichte – ebenso das Beharren auf unserem Recht, alsGemeinschaft weiterzuleben [1].Ezdiki – Sprache unserer GemeinschaftUnsere Sprache nennen wir Ezdiki. Sie ist ein wichtiger Träger unserer Gebete, religiösenÜberlieferungen, Erzählungen und kulturellen Erinnerungen. Durch sie werden Wissen, Werte undErfahrungen innerhalb der Familien und an die kommenden Generationen weitergegeben. InArmenien ist Ezdiki als eigenständige Sprachbezeichnung anerkannt. Diese Anerkennungunterstützt unser Recht, unsere Sprache entsprechend unserem eigenen Selbstverständnis zubenennen [1]. Die Bezeichnung Ezdiki steht in diesem Dokument bewusst für unsere eigenesprachliche Selbstbezeichnung. Sie verbindet Angehörige unserer Gemeinschaft über verschiedeneLänder und über die Diaspora hinweg. In Ezdiki werden Gebete, religiöse Hymnen, Erzählungenund familiäre Erinnerungen bewahrt. Sprache, Religion und kulturelle Überlieferung bildengemeinsam wichtige Grundlagen unserer eigenständigen ezidischen Identität.Anerkennung und BewahrungEzidische Gemeinden in Armenien, Georgien, Russland und weiteren Nachfolgestaaten der1Sowjetunion verfügen teilweise über eine weitreichende gesellschaftliche und kulturelleAnerkennung. In mehreren dieser Staaten werden Ezidinnen und Eziden als eigenständiges Volkwahrgenommen. Diese Anerkennung stärkt unser Recht, unsere Religion, Kultur, Sprache undgemeinsame Identität nach unserem eigenen Selbstverständnis zu benennen und weiterzugeben.Die Zugehörigkeit zur ezidischen Gemeinschaft wird durch Geburt weitergegeben. EineMissionierung ist im Ezidentum nicht vorgesehen. Weil religiöses Wissen, Gebete undÜberlieferungen über lange Zeit vor allem mündlich bewahrt wurden, besitzen Familie,Gemeinschaft und die Weitergabe ankommende Generationen eine besondere Bedeutung. Das giltin den traditionellen Siedlungsgebieten ebenso wie in der Diaspora [1].Geschichte der Verfolgung und das Massaker von 2007Über viele Jahrhunderte hinweg waren wir immer wieder Diskriminierung, Verfolgung,Zwangskonversionen und Vertreibungen ausgesetzt. Aufgrund unserer Religion wurden wir häufigfälschlicherweise als „Ungläubige“ oder „Teufelsanbeter“ bezeichnet. Diese falschen undmenschenverachtenden Vorurteile führten immer wieder zu Gewalt, Massakern undVernichtungsversuchen gegen unsere Gemeinschaft. Am 14. August 2007 wurden die Orte Til Ezerund Siba Sheikh Khidir in Shingal durch eine Serie schwerer Bombenanschläge getroffen. Mehr als700 Menschen wurden getötet und zahlreiche weitere verletzt. Die Anschläge gehören zu dentödlichsten Terrorangriffen in der jüngeren Geschichte des Irak [2].Im Februar 2025 veröffentlichte The Cradle einen investigativen Artikel mit dem Titel „Barzani’sDeadly Betrayal: The Yezidi Massacre of 2007“. Der Beitrag erhebt schwere Vorwürfe und stelltFragen zum politischen und sicherheitspolitischen Versagen vor den Anschlägen sowie zurVerantwortung jener Kräfte, die damals Einfluss und Kontrolle in der Region ausübten. DieseDarstellungen sind als journalistische Vorwürfe und Analysen zu kennzeichnen. Sie stellen keinerechtskräftigen gerichtlichen Feststellungen dar [4].Das Massaker von 2007 zeigte, dass die ezidische Bevölkerung bereits Jahre vor dem Angriff desIS einer konkreten existenziellen Gefahr ausgesetzt war. Dennoch wurden keine ausreichenden undnachhaltigen Schutzmaßnahmen geschaffen, um weitere Massaker zu verhindern.Der Beginn des Völkermords an unserem VolkAm 3. August 2014 begann eines der schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 21.Jahrhundert: der Genozid an uns Ezidinnen und Eziden durch die Terrororganisation „IslamischerStaat“, kurz IS. In den frühen Morgenstunden griffen bewaffnete IS-Kämpfer unsere HeimatregionShingal im Nordirak an. Der Angriff erfolgte gleichzeitig aus mehreren Richtungen und warsystematisch vorbereitet und organisiert. Hunderte IS-Kämpfer griffen zahlreiche Städte und Dörferrund um das Shingal-Gebirge an. Innerhalb weniger Stunden verwandelte sich das LebenTausender Familien in Angst, Chaos und unvorstellbares Leid. Eine ezidische religiöse Autoritätbeschrieb die Absicht des IS gegenüber der Untersuchungskommission der Vereinten Nationen mitden Worten:„Als der IS Shingal angriff, kam er, um zu vernichten.“Aussage einer ezidischen religiösen Autorität, dokumentiert durch dieUntersuchungskommission der Vereinten Nationen; eigene Übersetzung. [5]Der IS wollte im August 2014 nicht bloß ein Gebiet erobern, sondern die ezidische Gemeinschaftals religiöse Gruppe vernichten. Männer und ältere Jungen wurden getötet, Frauen und Mädchenentführt, verkauft und versklavt. Kinder wurden von ihren Familien getrennt und sollten ihre Identitätverlieren und nach der Ideologie des IS erzogen werden. Die Gewalt richtete sich damit gegenunsere gesamte Existenz – gegen Menschen, Religion, Kultur und gemeinsame Identität [5].Die unabhängige internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen stellte fest, dassder IS die Absicht hatte, die Ezidinnen und Eziden von Shingal als religiöse Gruppe ganz oderteilweise zu vernichten. Die Kommission kam deshalb zu dem Ergebnis, dass der IS einen Genozid2sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen an den Ezidinnen und Ezidenbegangen hat. Am 19. Januar 2023 erkannte der Deutsche Bundestag die Verbrechen des ISeinstimmig als Völkermord an. In der Debatte erklärte die damalige BundesaußenministerinAnnalena Baerbock:„Deutschland erkennt den Völkermord an den Ezidinnen und Eziden als Gesellschaft an.“Annalena Baerbock in der Bundestagsdebatte vom 19. Januar 2023 [6].Die einstimmige Anerkennung durch den Bundestag war für viele Ezidinnen und Eziden einwichtiger Schritt. Sie benennt die Verbrechen als das, was sie waren: den gezielten Versuch,unsere Gemeinschaft auszulöschen, und nicht bloß eine Begleiterscheinung des Krieges.Das Versagen der SicherheitskräfteVor dem Angriff lebten viele von uns in der Hoffnung, durch die in der Region stationiertenSicherheitskräfte geschützt zu werden. Vor allem die Peschmerga, darunter Einheiten unter demEinfluss des Demokratischen Partei Kurdistans, kontrollierten große Teile der Region Shingal undgalten als Schutzmacht unserer Bevölkerung. Am 3. August 2014 waren sie die wichtigste in derRegion stationierte Sicherheitskraft [5] [7]. Als der IS seinen Großangriff begann, zogen sich jedochgroße Teile der Peschmerga innerhalb kurzer Zeit aus ihren Stellungen zurück. Zahlreiche ezidischeDörfer blieben dadurch völlig schutzlos. Die Untersuchungskommission der Vereinten Nationenstellte fest, dass der Rückzug der örtlichen Bevölkerung nicht wirksam mitgeteilt wurde und dasskeine organisierte Evakuierung der Zivilbevölkerung erfolgte [5]. Viele von uns erfuhren erst imletzten Moment, dass die Verteidigung zusammengebrochen war. Für Tausende Familien gab eskeine Möglichkeit, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Bis heute berichten viele Überlebendevon einem tiefen Gefühl des Verlassenseins. Wir fühlten uns von denjenigen im Stich gelassen, dieuns eigentlich hätten schützen sollen. Innerhalb weniger Stunden waren wir dem IS nahezuschutzlos ausgeliefert. Familien mussten überstürzt fliehen, oftmals nur mit der Kleidung, die sie amKörper trugen. Viele Angehörige wurden auf der Flucht voneinander getrennt. Andere gerieten anKontrollpunkten oder auf den Fluchtwegen in die Hände der Terroristen. Einige ezidische Männerversuchten mit wenigen Waffen, ihre Dörfer und Familien zu verteidigen. Ihr Widerstand konnte denVormarsch des IS nicht stoppen. Er verschaffte einigen Familien jedoch zusätzliche Zeit zur Flucht.Eine Analyse des Washington Institute for Near East Policy stellte fest, dass sich TausendePeschmerga aus Shingal zurückzogen, ohne ernsthaften Widerstand gegen den IS zu leisten. Derdadurch entstandene Sicherheitsverlust beschädigte das Verhältnis zwischen der DemokratischenPartei Kurdistans und großen Teilen der ezidischen Gemeinschaft nachhaltig. [8]In der Bundestagsdebatte wurde zudem eingeräumt, dass wirksamer Schutz zu spät kam. DieDebatte machte zugleich deutlich, dass auch die internationale Gemeinschaft den Genozid nichtrechtzeitig verhindert und die ezidische Bevölkerung nicht wirksam geschützt hat. [6]Der Bericht „Pathways to Protection“Im November 2024 erschien der Bericht „Pathways to Protection: A Report Calling for ImmediateSolutions to the Ongoing Destruction of the Yazidi Community of Sinjar“. Er wurde vom PersecutionPrevention Project in Verbindung mit dem Genocide Studies Program der Yale University und demHuman Rights Law Committee der International Bar Association veröffentlicht. Der Bericht stütztsich auf zahlreiche ezidische Zeugenaussagen und widmet sich ausführlich der Rolle derDemokratischen Partei Kurdistans und der Peschmerga vor und während des Angriffs des IS. Nachdem Bericht erklärten zahlreiche Ezidinnen und Eziden, dass Peschmerga-Kräfte Familien darangehindert hätten, Shingal zu verlassen, während sich der IS der Region näherte. Zeugenberichteten außerdem, dass Waffen und Munition ezidischer Männer eingezogen worden seien. EinZeuge erklärte, die Menschen hätten ihre Waffen abgegeben, weil sie den Zusagen vertraut hätten,von den Sicherheitskräften geschützt zu werden [7].3Weitere Zeugenaussagen beschreiben, dass Familien schon vor dem Angriff in die RegionKurdistan gelangen wollten, an Kontrollpunkten jedoch abgewiesen und in ihre Dörferzurückgeschickt worden seien. Am frühen Morgen des 3. August 2014 hätten sich Peschmerga- undAsayish-Kräfte zurückgezogen, ohne die Bevölkerung zu warnen oder eine ernsthafte Verteidigunggegen den IS zu organisieren. Weiter heißt es, dass einzelne Peschmerga und Kommandeureerklärt hätten, der Rückzugsbefehl sei von höheren Führungsebenen gekommen. Die Einheitenhätten ihre Fahrzeuge, Waffen und militärische Ausrüstung mitgenommen. Der Bericht greift auchdie Forschung von Matthew Barber auf, wonach sich der Rückzug über mehrere Stunden erstreckteund an den meisten Orten keine wirksame Verteidigung gegen den IS stattfand.„Die Peschmerga zogen ab, ohne einen einzigen Schuss abzugeben.“Eine unter Ezidinnen und Eziden verbreitete Formulierung über den Rückzug [7] [9].Besonders schwer wiegt der Vorwurf, dass Schusswaffen nicht gegen den heranrückenden IS,sondern gegen Eziden eingesetzt worden seien, die von den abziehenden Kräften Schutz undWaffen verlangten.Der Vorfall in ZoravaDer Forscher Matthew Travis Barber dokumentierte einen besonders schweren Vorfall in derOrtschaft Zorava während des Rückzugs der Peschmerga. Als die ezidischen Einwohner sahen,dass die Kräfte mit ihren Waffen und Fahrzeugen abzogen, verlangten sie, dass wenigstens ein Teilder Waffen zurückgelassen werde. Die Einwohner wollten damit ihre Familien und ihre Ortschaftgegen den heranrückenden IS verteidigen. Nach Barbers Darstellung wurde die Forderung mit demHinweis abgelehnt, dass die Weitergabe der Waffen gegen bestehende Befehle verstoße. Als einigeezidische Männer versuchten, Waffen von den abziehenden Kräften zu nehmen, eröffnetenPeschmerga das Feuer. Nach Barbers Darstellung wurden dabei drei Eziden getötet undmindestens zwei weitere verletzt. Der Vorfall ereignete sich, bevor der IS die Ortschaft erreichte undwährend die Bevölkerung ohne Schutz und ohne ausreichende Mittel zur Selbstverteidigungzurückblieb [9]. Auch der Bericht „Pathways to Protection“ greift diesen Vorfall auf. Er berichtet,dass Eziden in Zorava die abziehenden Kräfte aufhielten und Schutz sowie Waffen verlangten.Daraufhin sei Gewalt eingesetzt und auf die Eziden geschossen worden [7]. Den veröffentlichtenZeugenaussagen zufolge ging es in Zorava also nicht allein um den Rückzug. Den Einwohnernwurden Waffen zur Selbstverteidigung verweigert; gegen einige Männer, die den Abtransportverhindern wollten, soll sogar geschossen worden sein.Politische und militärische VerantwortungDie Kritik richtet sich nicht nur gegen einzelne Peschmerga vor Ort. Sie betrifft auch die politischeund militärische Führung der Region Kurdistan, insbesondere die Führung der DemokratischenPartei Kurdistans unter Masoud Barzani.Masoud Barzani war im Jahr 2014 Präsident der Region Kurdistan und Vorsitzender derDemokratischen Partei Kurdistans. Viele Ezidinnen und Eziden sowie mehrere Forscher verlangendeshalb eine vollständige Aufklärung darüber, wer den Rückzugsbefehl erteilte, welcheFührungspersonen über die Annäherung des IS informiert waren und weshalb weder einerechtzeitige Warnung noch eine organisierte Evakuierung der Bevölkerung stattfand.Der Bericht „Pathways to Protection“ enthält eine Aussage, die Sarbast Babiri zugeschrieben wird,einem Verantwortlichen der Peschmerga in Shingal. Babiri bestritt, den Rückzug selbst angeordnetzu haben, und forderte eine Untersuchung. Er erklärte, er habe Nechirvan Barzani und MasoudBarzani über die Lage in Shingal informiert und um Schutz für die Region gebeten.„Ich berichtete Nechirvan Barzani und Masoud Barzani über die Lage in Shingalund bat sie, Shingal zu schützen.“Sinngemäße deutsche Übersetzung der im Bericht „Pathways to Protection“wiedergegebenen Aussage [7].4Die Aussage reicht nicht aus, um einer bestimmten Person strafrechtliche Verantwortungzuzuschreiben. Sie ist dennoch relevant, weil sie Fragen zum Kenntnisstand der politischenFührung, zur Befehlskette und zur Verantwortung für den Rückzug aufwirft.Die Kritik des Forschers Matthew BarberDer Forscher Matthew Barber kritisierte die Politik der Demokratischen Partei Kurdistans gegenüberden Ezidinnen und Eziden vor und nach dem Genozid. Er beschreibt, dass die Partei in Shingal einweitreichendes politisches und sicherheitspolitisches Kontrollsystem aufgebaut habe und dassSicherheitsorgane und Parteistrukturen in der Region faktisch über große Macht verfügten. [9] [10]Barber schrieb außerdem, dass Kräfte unter dem Einfluss der Partei Waffen ezidischer Soldateneingesammelt hätten, die nach dem Zusammenbruch irakischer Armeeeinheiten im Juni 2014 nachShingal zurückgekehrt waren. Nach seiner Analyse verringerte diese Entwaffnung die Fähigkeit derEziden, ihre Dörfer zu verteidigen, als der IS die Region angriff [9]. Nach Barber verlief der Rückzugorganisiert und umfasste den größten Teil der mit der Demokratischen Partei Kurdistansverbundenen Sicherheits- und Militäreinheiten. Die Kräfte hätten Waffen, Ausrüstung undFahrzeuge mitgenommen. In mehreren Orten hätten Eziden verlangt, dass Waffen zur Verteidigungzurückgelassen würden. Diese Forderungen seien unter Hinweis auf offizielle Befehle abgelehntwordenBarber vertritt die Auffassung, dass der Rückzug der Peschmerga am Morgen des 3. August 2014das Vertrauen großer Teile der ezidischen Bevölkerung in die Demokratische Partei Kurdistanszerstört habe. Er kritisierte außerdem die Festnahme und Einschüchterung einzelner ezidischerAktivisten sowie Einschränkungen für Organisationen, die die Politik der Partei kritisierten oderunabhängig arbeiten wollten. In seinem Beitrag über das Verhältnis der RegionalregierungKurdistans zur ezidischen Minderheit schrieb Barber, dass Eziden in Lagern nach den von ihmausgewerteten Aussagen wegen friedlicher Proteste oder Kritik an politischen Maßnahmenfestgenommen, geschlagen oder bedroht worden seien [10].Investigative Artikel über Masoud Barzani und die kurdische FührungDie Plattform The Cradle veröffentlichte mehrere Beiträge mit sehr scharfen Vorwürfen gegenMasoud Barzani und die Führung der Demokratischen Partei Kurdistans. Dabei muss klar zwischenTatsachen unterschieden werden, die durch Berichte der Vereinten Nationen oder etablierterMenschenrechtsorganisationen dokumentiert sind, und Behauptungen aus journalistischen Artikelnoder Klageschriften, über die kein rechtskräftiges Gerichtsurteil vorliegt.„Justice Is Sleeping“Der Artikel „Justice Is Sleeping: Yezidis Struggle to Punish Kurds Who Greenlit Genocide“ enthältZeugenaussagen und Vorwürfe über die politische und sicherheitspolitische Verantwortungkurdischer Funktionsträger für Entscheidungen, die dem Rückzug der Peschmerga vorausgingen.Der Beitrag berichtet außerdem über Versuche von Überlebenden und ezidischen Aktivisten,rechtliche Schritte gegen Personen einzuleiten, denen sie vorwerfen, den Genozid ermöglicht,erleichtert oder nicht verhindert zu haben [11]. Der Titel und der Inhalt des Artikels spiegeln die tiefeFrustration vieler Überlebender wider. Sie sehen die Aufarbeitung als unvollständig an, solangenicht auch das Verhalten jener Akteure untersucht wird, die nicht zum IS gehörten, aberVerantwortung für Sicherheit und Schutz in Shingal trugen. Der Artikel über Masoud BarzaniThe Cradle veröffentlichte außerdem einen Artikel mit dem Titel „Masoud Barzani: The Butcher ofSinjar“. Diese Bezeichnung ist der Titel des Artikels und wird in diesem Text nicht als eigenegerichtliche Feststellung übernommen.Der Beitrag behandelt Vorwürfe aus einer in den Vereinigten Staaten eingereichten Klage. Darinwird behauptet, Masoud Barzani und mit ihm verbundene Führungspersonen hätten zu denBedingungen beigetragen, die dem IS den Genozid an den Ezidinnen und Eziden ermöglichten. Der5Artikel zitiert zudem ezidische Aussagen, nach denen die Bevölkerung entwaffnet, an der Fluchtgehindert und anschließend ohne Schutz zurückgelassen worden sei [12]. Ob und inwieweit dieseBehauptungen zutreffen, müssen unabhängige Gerichte und Untersuchungsorgane klären. Bisdahin sind sie nicht als rechtskräftig festgestellte Tatsachen zu behandeln. Für viele Überlebendebleiben die darin angesprochenen Fragen an die damalige politische und militärische Führungdennoch zentral.Der Artikel zum Massaker von 2007Der Artikel „Barzani’s Deadly Betrayal: The Yezidi Massacre of 2007“ behandelt dieBombenanschläge auf Til Ezer und Siba Sheikh Khidir. Er erhebt Vorwürfe gegen die damals in derRegion einflussreichen politischen und sicherheitspolitischen Strukturen und fragt, ob Versäumnisseoder politische Entscheidungen die ezidische Bevölkerung besonders verwundbar gemacht hätten[4]. Auch hier handelt es sich nicht um rechtskräftige Feststellungen. Die Vorwürfe machen jedochdeutlich, weshalb eine unabhängige Untersuchung des Massakers von 2007 notwendig ist: Es mussgeklärt werden, welche Warnzeichen bekannt waren und warum die ezidische Bevölkerung trotz derBedrohung nicht wirksam geschützt wurde.Blockaden und Einschränkungen nach dem GenozidDas Leiden der Ezidinnen und Eziden endete nicht mit der militärischen Befreiung einzelnerGebiete von Shingal. Human Rights Watch dokumentierte im Jahr 2016 Einschränkungen, die dieBehörden der Region Kurdistan für den Transport von Lebensmitteln, Medikamenten, Hilfsgüternund Baumaterialien nach und aus Shingal verhängten. Die Maßnahmen beeinträchtigten auch denVerkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse sowie die Rückkehr und den Wiederaufbau durchezidische Familien. Human Rights Watch erklärte, dass die Behörden die Rückkehr der Ezidinnenund Eziden in ihre Heimat erleichtern sollten, anstatt zusätzliche Hindernisse für ihre Erholung undden Wiederaufbau zu schaffen [13]. Auch Barber kritisierte Einschränkungen der Rückkehr nachShingal. Er berichtete, dass der Zugang von Baumaterialien und Hilfsgütern nicht gleichbehandeltworden sei und dass bestimmte Organisationen oder Personen Kontrollpunkte nicht passierendurften [10]. Damit wirkten die Folgen des Genozids weit über den unmittelbaren Angriff hinaus.Vertreibung, politische und sicherheitspolitische Einschränkungen, fehlende Dienstleistungen undein stockender Wiederaufbau belasteten die Überlebenden noch Jahre später.Die Flucht auf das Shingal-GebirgeZehntausende Ezidinnen und Eziden flohen auf das Shingal-Gebirge. Dort waren Familien, Kinder,ältere Menschen und Kranke bei Temperaturen von etwa 50 Grad ohne ausreichendes Wasser,Nahrung und medizinische Versorgung eingeschlossen [2] [5]. Viele Menschen starben auf demBerg an Durst, Erschöpfung oder den Folgen der extremen Hitze. Andere wurden auf der Fluchtvom IS aufgegriffen, entführt oder ermordet. Ein großer Teil der Eingeschlossenen konnte erstfliehen, nachdem ein Korridor vom Gebirge in Richtung der syrischen Gebiete geöffnet worden war.Der Rückzug der Sicherheitskräfte, das Verhindern der Flucht und die Verweigerung von Waffen zurSelbstverteidigung gehören für unsere Gemeinschaft bis heute zu den schmerzhaftesten Kapitelndes Genozids.Die systematische Vernichtung unserer GemeinschaftNach der Einnahme der Region ging der IS systematisch, geplant und organisiert gegen unsereGemeinschaft vor. Männer und ältere Jungen wurden von ihren Familien getrennt. Viele von ihnenwurden sofort erschossen oder später in Massenhinrichtungen ermordet. Andere wurden vor dieWahl gestellt, zum Islam zu konvertieren oder getötet zu werden. Frauen und Mädchen wurdenentführt, verkauft, vergewaltigt und versklavt. Innerhalb der Terrororganisation wurden sie wieEigentum behandelt und zwischen IS-Mitgliedern weitergegeben. Einige der entführten Mädchenwaren erst neun Jahre alt. Kinder wurden von ihren Eltern getrennt. Viele Jungen wurdengezwungen, ihre ezidische Identität und ihren Glauben aufzugeben. Sie wurden nach der Ideologie6des IS indoktriniert, militärisch ausgebildet und teilweise als Kindersoldaten oder fürSelbstmordanschläge eingesetzt. Einige der betroffenen Jungen waren erst sieben Jahre alt [2] [5].Jüngere Mädchen wurden gemeinsam mit den Frauen verschleppt und waren sexueller Gewalt,Misshandlungen und Versklavung ausgesetzt. Ganze Familien wurden gezielt auseinandergerissen.Mehr als 5.000 unserer Angehörigen wurden ermordet. Etwa 7.000 Menschen wurden entführt oderverschleppt. Hunderttausende wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Das Schicksal vieler Entführterund Vermisster ist bis heute ungeklärt [2] [6]. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen. Es sindunsere Mütter und Väter, unsere Schwestern und Brüder, unsere Kinder, unsere Verwandten undunsere Freunde. Jeder ermordete Mensch hatte einen Namen, eine Familie, Hoffnungen undTräume. Jeder vermisste Mensch hinterlässt Angehörige, die bis heute zwischen Hoffnung,Schmerz und Ungewissheit leben. Bis heute werden Massengräber geöffnet und menschlicheÜberreste identifiziert. Für viele Familien bedeutet dies, dass sie erst Jahre nach dem GenozidGewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen erhalten. Der Genozid sollte nicht nur das Lebeneinzelner Menschen zerstören. Er sollte unsere Religion, unsere Kultur, unsere Familienstrukturenund unsere gemeinsame Identität auslöschen. Heiligtümer, Gebetshäuser und Dörfer wurdenzerstört, um unsere Verbindung zur Heimat und zu unserer Geschichte zu vernichten [5].Hassrede und fortbestehende BedrohungenDie Bedrohungen gegen Ezidinnen und Eziden endeten nicht mit der militärischen Niederlage desIS. Der Bericht „Pathways to Protection“ dokumentiert einen starken Anstieg von Hassrede undAufrufen zur Gewalt gegen die ezidische Gemeinschaft, insbesondere in sozialen Medien und inTeilen der Region Kurdistan. Nach dem Bericht enthielten einzelne Veröffentlichungen direkteDrohungen mit neuen Gewalttaten und Massakern. Im August 2024 verließen ezidische Familienaus Angst um ihr Leben mehrere Vertriebenenlager [7]. Der Bericht nennt Schätzungen, wonachetwa 1.000 ezidische Familien die Lager wegen der Bedrohungen und der Hasskampagneverließen. Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf einen Artikel von The Cradle mit demTitel „Yezidis Flee Iraqi Kurdistan Camps Following Hate Speech Campaign by Kurdish Extremists“[7] [14]. Der Artikel berichtet über Familien, die aus Angst vor neuer Gewalt nach Shingalzurückkehrten, obwohl dort weiterhin Dienstleistungen, Sicherheit und angemesseneLebensbedingungen fehlten [14]. Der Genozid ist deshalb keine abgeschlossene Vergangenheit.Hassrede, fehlende Strafverfolgung, die Verbreitung von Waffen und anhaltende politischeSpannungen gefährden die ezidische Gemeinschaft weiterhin.Unser Recht auf Wahrheit und GerechtigkeitGerechtigkeit ist nicht vollständig, wenn ausschließlich Mitglieder des IS verfolgt werden. Es mussauch untersucht werden, welche Verantwortung diejenigen trugen, die die Macht, die Fähigkeit unddie Pflicht hatten, die Bevölkerung zu schützen, dies aber nicht taten.Eine unabhängige und transparente Untersuchung muss insbesondere folgende Fragenbeantworten:• Wer erteilte den Befehl zum Rückzug der Peschmerga aus Shingal?• Wer wusste vor dem Angriff von den Bewegungen und Vorbereitungen des IS?• Warum wurde die Bevölkerung nicht rechtzeitig gewarnt?• Warum wurden ezidische Familien nach veröffentlichten Aussagen daran gehindert, dieRegion zu verlassen?• Warum wurden vor dem Angriff Waffen ezidischer Einwohner eingezogen?• Warum wurden den Einwohnern beim Rückzug keine Waffen zur Selbstverteidigungüberlassen?• Wer trug die Verantwortung für den Schusswaffeneinsatz gegen Eziden in Zorava?• Warum wurden bis heute keine vollständigen Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchungzur politischen und militärischen Verantwortung veröffentlicht?7Mit diesen Fragen ist keine Vorverurteilung verbunden. Opfer und Überlebende haben jedoch einRecht darauf, dass Zeugenaussagen, Dokumente und Vorwürfe vollständig und unabhängig geprüftwerden – ohne Rücksicht auf die politische oder militärische Stellung der Betroffenen.In ihrer Nobelpreisrede warnte Nadia Murad, dass sich Völkermord an Ezidinnen und Eziden oderanderen gefährdeten Gemeinschaften wiederholen könne, solange Gerechtigkeit ausbleibe.Aufarbeitung sei eine Voraussetzung für Frieden und Zusammenleben im Irak [3].Wir verlangen keine Rache und keine Anschuldigungen ohne Beweise. Wir verlangen eineunabhängige Untersuchung, die klärt, wer Entscheidungen traf, durch die unser Volk schutzloszurückblieb. Darüber hinaus brauchen wir Anerkennung, eine konsequente Strafverfolgung derVerantwortlichen, die Suche nach den Vermissten, den Wiederaufbau Shingals und dauerhaftenSchutz. Wir wollen unsere Religion und Kultur frei leben, unsere Kinder ohne Angst großziehen undselbst über unsere Zukunft entscheiden. Der Versuch, uns zu vernichten, ist gescheitert. Wir lebenweiter, bewahren unsere Identität und erzählen unsere Geschichte den kommenden Generationen.Erinnerung, Gerechtigkeit und das Weiterleben unserer Gemeinschaft gehören für uns zusammen.Sie sind die Grundlage dafür, dass aus dem Überleben eine sichere Zukunft werden kann.